Mitten in Hongkong

Zwischen Hightech und chinesischer Tradition

Alumnus Sebastian Schenk ist vom chinesischen Kulturraum fasziniert und wollte nach seinem Studienaufenthalt in Nanjing dorthin zurück. Als Head of Digitalization of Businesses arbeitet er seit sieben Jahren für BASF in Hongkong. Er wohnt mitten im vom Wolkenkratzern geprägten Hongkong Island vermissen tut er dort nichts. Für ihn ist die Metropole trotz der zuletzt schlechten Presse eine Top­-Location und genau der richtige Ort, um beruflich in Asien Fuß zu fassen.

Wie ist es dazu gekommen, dass du in Hongkong arbeitest? War das schon immer dein Traumziel oder Zufall?

Interessanterweise war es weder mein Traumziel, noch Zufall. Ich habe zwei Jahre in Nanjing (Hauptstadt der Provinz Jiangsu, etwa 300 km westlich von Shanghai mit über 8 Millionen Einwohnern) Chinesisch studiert und meine Masterarbeit in Software Engineering geschrieben. Ich war und bin vom chinesischen Kulturraum außerordentlich fasziniert und wollte eigentlich immer wieder nach China zurück.

Nachdem ich dann nach Deutschland zurückgekehrt bin und meine Masterarbeit abgegeben habe, konnte ich während meiner Zeit am Collège des Ingénieurs an einem Projekt arbeiten, das starken Bezug zu Asien hatte: Qualitätssicherung bei Siemens Medical in Shanghai und Goa. Nach Stationen in der In­house Beratung von Bayer und einer kleinen externen Beratung in der Schweiz bin ich seit 2011 bei BASF – angefangen habe ich dort wieder in der In-house Beratung.

Hongkong war nie mein Traumziel – eigentlich wollte ich immer nach Mainland, China, am besten Shanghai oder Beijing. Aber mit der Zeit lernt man die Vorzüge von Hongkong zu schätzen und als sich nach einem großen Reorganisationsprogramm, das ich in der Region geleitet hatte, die Chance ergab, Teamleiter für die BASF In-house Beratung in Hongkong zu werden, habe ich nach Rücksprache mit meiner Frau beherzt zugegriffen.

Hongkong ist besonders wenn man in seinen 20er oder frühen 30er Jahren ist, eine absolute Top-Location!

Was genau macht Hongkong für junge Menschen so attraktiv?
 

Dasselbe, was viele internationale Metropolen so interessant macht: viele Menschen, viele Möglichkeiten, eine Infrastruktur, mit der man schnell von A nach B kommt, nichts ist wirklich weit weg, alles hat fast immer (oder wenigstens sehr lange) offen, ein tolles kulturelles Angebot, kulinarische Vielfalt, man trifft interessante Menschen mit internationalem Background, Hochhäuser, etc. Dazu kommt in Hongkong noch, dass das Wetter die meiste Zeit über im Jahr eher warm bis heiß ist – allerdings regnet es im Sommer auch sehr viel. Es gibt viele tolle Strände mit viel Wassersportmöglichkeiten, Wandern ist sehr beliebt und man ist mit dem Flugzeug schnell an vielen schönen Orten zum Urlaub machen.

An welchen kulturellen Unterschied musstest du dich am meisten gewöhnen? Was vermisst du?

Als ich in China studiert habe, musste ich mich an eine ganze Menge Unterschiede gewöhnen, aber hier in Hongkong leben meine Familie und ich ein recht „klassisches“ Expatriate-Leben. Unsere Freunde sind überwiegend auch Ausländer, wir reden alle Englisch (der eine oder andere auch Deutsch), leben auf Hongkong Island, essen international etc. Ich muss zugeben, dass es Hongkong einem schon extrem leicht macht, was die Eingewöhnung und das Leben hier angeht. An Deutschland vermisse ich, abgesehen von meiner Familie und Freunden, ziemlich wenig – wir haben hier alles, was wir brauchen.

Sogar deutsche Restaurants gibt es hier, falls wir mal Sehnsucht nach deftiger Küche haben.

Fühlst du dich nach sieben Jahren vor Ort angekommen oder manchmal noch fremd?

Angekommen in meinem Leben hier auf jeden Fall. Angekommen in der Mehrheitsgesellschaft eher weniger. Auch wenn man manchmal in Central (Businessviertel auf Hongkong Island) einen anderen Eindruck bekommt, so ist der Anteil an Ausländern (abgesehen von Foreign Domestic Helpers, die überwiegend aus den Philippinen und Indonesien kommen) in Hongkong verhältnismäßig gering.

Man fühlt sich schon manchmal fremd. Ich spreche kein Kantonesisch und meine recht guten Chinesischkenntnisse helfen hier wenig. Und erstaunlich viele Menschen sprechen erstaunlich wenig Englisch.

Wie erlebst du die politischen Unruhen in Hongkong?

Ein ganz schwieriges und außerordentlich vielschichtiges Thema. Die Unruhen in 2014 und in 2019 haben das öffentliche Leben teilweise sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Ich verstehe die Gründe der Proteste, ohne die Mittel und die Form gutheißen zu können. Es lohnt sich aber, sich dazu eine eigene Meinung zu bilden. Neben der ganzen Diskussion um Demokratie und Freiheitsrechte finde ich, dass der Gini-Koeffizient in Hongkong ein guter Startpunkt für eine eigene Recherche ist. Das bringt faszinierende Einsichten hinsichtlich der Gründe und Folgen zu Tage.

Was sind deine Aufgaben in deiner aktuellen Position bei BASF und vor welchen Herausforderungen stehst du?

Die ersten fünf Jahre habe ich das In-house Beratungsteam von BASF hier in der Region Asien-Pazifik aus Hongkong heraus geleitet. Mit dem Team haben wir an vielen sehr spannenden Projekten in den verschiedensten Ländern in Asien Pazifik gearbeitet. Strategie, Profitabilität, Investitionen, Roadmaps, Organisation, Prozesse und Post-Merger Integration in China, Indien, Japan, Australien und ASEAN Ländern. Seit 2017 habe ich parallel als „Digital Champion“ die digitale Agenda von BASF in der Region vorangetrieben. Seit Januar 2019 mache ich das jetzt Vollzeit, mit Fokus auf Beratung im Digitalumfeld und kundennahe Projekte, die das Wachstum von BASF in der Region unterstützen. Das Thema ist extrem relevant für die chemische Industrie.

Das Viertel Mong Kok wird abends in Neonlicht getaucht. Hongkong hat ein pulsierendes Nachtleben mit vielen Bars und Restaurants, die im Szeneviertel SoHo besonders ausgefallen sind.

Die aktuellen Rahmenbedingungen hier in der Region, was Ressourcen für Investitionen im Digitalumfeld betrifft, sind eher schwierig. Momentan ist nicht die Zeit für die ganz großen Sprünge.

Wie erlebst du die Arbeitsweise der Asiaten?

Ich erlebe eine große Begeisterung für das Thema Digitalisierung. Der Wunsch, das Unternehmen diesbezüglich voranzutreiben, ist extrem hoch. Die Kollegen sind sehr wissbegierig, haben einen tollen Kundenfokus und gehen mit viel Elan an die Projekte. Ich finde es super, mit wie viel Energie die Kollegen vorangehen und wie sie für die Herausforderungen, die allenthalben auftreten, schnelle und unkomplizierte Lösungen finden. Es macht wirklich Spaß, in einem solchen Umfeld zu arbeiten!

Wie geht es für dich langfristig weiter – ist zurück nach Deutschland eine Option?

Hier komplett zu lokalisieren kam aus verschiedenen Gründen für meine Familie und mich nie in Frage. Das Leben in Hongkong ist toll für einige Zeit, aber nicht für immer. Die Aufnahme und Schulgebühren an der deutschen Schule in Hongkong beispielsweise sind heraus fordernd. Die hohen Mieten sind es ebenfalls. Wer sich dafür interessiert, kann sich gerne bei mir melden. Mitte 2021 geht es zurück nach Deutschland und dann schauen wir, wie es dort weitergeht.

Jetzt hast du neugierig gemacht. Wie viel muss man ungefähr für Schule und Wohnung ausgeben?

An sich ist Hongkong ja gar nicht so teuer. Wenn man sich nicht nur von importierten Lebensmitteln ernährt, geht es sogar mit den Kosten. Transport kostet zum Beispiel deutlich weniger als in Deutschland, vor allem Taxis sind sehr günstig. Genauso sieht es mit Strom, Gas und Wasser aus. Woran man sich nicht gewöhnt, sind die hohen Mieten. Auch wenn es nicht ganz repräsentativ ist, da wir im Stadtzentrum wohnen: unsere Monatsmiete liegt bei etwa 40 Euro pro qm ohne Nebenkosten (und das ist bei Weitem noch nicht das Ende des Möglichen).

Schulgebühren sind das andere große Thema, vor allem, wenn man seine Kinder auf internationale Schulen schicken will bzw. muss (z. B. weil die Eltern kein Chinesisch oder Kantonesisch sprechen). Der Kindergarten in der German Swiss International School kostet pro Jahr etwa 16.000 Euro, bei den Abiturklassen ist man mit etwa 21.000 Euro pro Jahr dabei.

Was ist dir von deiner Zeit am Collège besonders in Erinnerung geblieben?

Ich habe Software Engineering studiert und kam damals recht unbedarft, was BWL Themen anging, ans Collège. Die Vorlesungen und Gruppenübungen waren toll!

Ich werde zum Beispiel nie Prof. Fifield vergessen, der uns beigebracht hat, dass man keine Bohrmaschine kauft, sondern das Loch in der Wand.

Das Wichtigste sind aber meine Mitstudenten, von denen einige zu richtig guten Freunden geworden sind.

Was würdest du den Nachwuchs-Talenten mit auf den Weg geben – worauf kommt es besonders an?

Ich zitiere W. I. Lenin (meiner frühen Kindheit in der DDR geschuldet): Lernen, lernen und nochmals lernen!

Viel wichtiger als das Gehalt ist am Anfang, dass man in ein Umfeld kommt, wo man vom ersten Tag an herausgefordert wird, wo man Freiraum hat zu gestalten und zu entscheiden.

Sonst wird es schnell langweilig. Die PS auf die Straße bringen, wie man so schön sagt. Dabei bescheiden bleiben, gut zuhören, von erfahrenen Kollegen lernen und dann schnell herausfinden, wie man einen sichtbaren Beitrag zum Erfolg (wie der auch immer gemessen wird) leisten kann. Es bringt auch nichts, sich für den Job zu verbiegen. Wenn man das Gefühl hat, man arbeitet an irgendeinem Quatsch, dann ist Zeit gekommen, sich etwas Neues zu suchen. Das Leben ist zu kurz, um nur irgendjemandem die Taschen voll zu machen.

Gut zu überlegen, was einem wichtig ist, das regelmäßig zu hinterfragen (Lebenssituationen ändern sich) und entsprechend zu handeln, ist meines Erachtens der Schlüssel zum Erfolg.

Hong Kong Central, das zugleich älteste als auch modernste Viertel.

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